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DGUV-Rundschreiben für die Sachbearbeitung

Berufskrankheiten > Die Liste der Berufskrankheiten > Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung

Zuletzt geändert am 18.6.2010


...oder: Vorsicht, der Verein hat sich bewegt!


Nachdem vom DGUV e.V. das Thema natürliche UV-Strahlung - also UV-Strahlen durch die Sonne - vor allem als Freizeitproblem behandelt wurde, liegt nun ein Rundschreiben an alle Unfallversicherungsträger mit dem Titel:
Hautkrebs nach UV-Strahlungsexposition - Eine Hilfestellung für die BK-Sachbearbeitung vor. Im Internet einsehbar unter
http://www.dguv.de/ifa/de/fac/strahl/pdf/rundschreiben_hautkrebs_nach_UV-Strahlungsexposition.pdf:

Für viele Sachbearbeiter innerhalb der Unfallversicherungsträger mag dieses Schreiben als eine Hilfestellung bei der Bearbeitung von BK-Anzeigen erscheinen, wenn es um Hauterkrebs geht und das Sonenlicht als Verursacher vermutet wird.

Können aber nun Menschen, die beispielsweise auf dem Bau, in der Land- und Forstwirtschaft oder im Gartenbau, im Sport oder in Kindergärten arbeiten und sich oft im Freien aufhalten müssen und die deshalb arbeitsbedingt häufig dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, darauf vertrauen eine Hautkrebserkrankung als arbeitsbedingte anerkannt zu bekommen?

Zunächst gilt es festzustellen: Es gibt immer noch keine Berufskrankheit Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung. Daran hat das Rundschreiben überhaupt nichts geändert. Eine BK-Anzeige mit dem Verdacht auf arbeitsbedingten Hautkrebs kann nur nach § 9 Abs. 2 des Sozialgesetzbuches VII gestellt werden, wo es heißt:

"Die Unfallversicherungsträger haben eine Krankheit, die nicht in der Rechtsverordnung bezeichnet ist oder bei der die dort bestimmten Voraussetzungen nicht vorliegen, wie eine Berufskrankheit als Versicherungsfall anzuerkennen, sofern im Zeitpunkt der Entscheidung nach neuen Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft die Voraussetzungen für eine Bezeichnung nach Absatz 1 Satz 2 erfüllt sind."

Gleichwohl kann festgestellt werden, es hat sich bei den BGen etwas bewegt. Dafür spricht auch der erste Satz im Vorwort zum Schreiben, der lautet: "Bereits seit Jahren liegt die Erkenntnis vor, dass UV-Strahlung grundsätzlich geeignet ist, Hautkrebserkrankungen zu verursachen." Es wird also grundsätzlich festgestellt, dass die Erkenntnis vorliegt, es gibt einen Zusammenhang zwischen UV-Strahlung - und damit auch natürlicher UV-Strahlung - und Hautkrebserkrankungen. Verblüffend ist, diese Erkenntnis liegt bereits seit Jahren vor und die Unfallversicherungsträger haben hierauf nicht reagiert. Damit bescheinigt sich der DGUV e.V. selbst eine erhebliche Resitenz gegenüber Erkenntnissen. Für Eingeweihte nichts unbedingt Neues, aber neu in der Form eines Rundschreibens des DGUV e.V. Vielleicht sollten die Rechtsvertreter von Versicherten dieses Beispiel von Einsicht als Argument in Rechtsauseinandersetzungen verwenden.

Allerdings wird danach gleich festgestellt: "Hautkrebserkrankungen nach arbeitsbedingter Einwirkung von UV-Strahlung wurden bisher jedoch selten nach § 9 Abs. 2 SGB VII anerkannt."

Damit ist man aber auch schon beim springenden Punkt, was trägt das Rundschreiben zur Bearbeitung von BG-Anzeigen bei Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung bei? Welche wissenschaftliche Qualität und Redlichkeit kommt darin zum Ausdruck?

Bei derartigen Schreiben stellt sich natürlich auch zwangsläufig die Frage: Wie kam das Rundschreiben überhaupt zustande? Wer hat es in Auftrag gegeben? Wer war einbezogen? Was sagen die Gremien der Selbstverwaltung zu dem Schreiben? Sind die Autoren ausgewiesen und vor allem wissenschaftlich und finanziell unabhängig?

Beginnt man bei den Autoren, so fällt schnell auf von den 7 Autoren stehen 6 unmittelbar in den Diensten der Unfallversicherungsträger. Nur Prof. Dr. Diepgen ist an einem Universitätsklinikum beschäftigt. Ohne den einzelnen Autoren zu nahe treten zu wollen, aber 6 von 7 erfüllen bereits beim ersten Hinsehen nicht die Voraussetzungen, die üblicherweise von einer Interessensunabhängigkeit erwartet werden (vgl. Interessensgesteuerte Gutachter).

Gleichwohl nehmen die Autoren durchaus für sich in Anspruch einen Beitrag zur "Rechtssicherheit" bei der Entscheidung von BK-Anzeigen zu liefern (s. Vorwort zum Rundschreiben). Dies mag zwar die Meinung der Autoren sein, es würde aber kaum jemand wirklich erwarten, dass Versicherungen neuerdings für die Auslegung des Versicherungsrechtes zuständig sind - um nicht einen schärferen Vergleich zu bemühen.

Eine inhaltliche Bewertung des Rundschreibens kann und soll hier nicht vorgenommen werden. Trotzdem müssen aber einige Anmerkungen gemacht werden. So fällt auf, dass die Forschungsergebnisse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin keinen Eingang in das Rundschreiben gefunden haben (vgl. Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung und wann kommt die BK?). Dies verwundert insofern als die Autoren feststellen: "Für die Prüfung des Ursachenzusammenhangs wäre es von Vorteil, wenn eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zugurnde gelegt werden könnte. Leider ist der derzeitige Erkenntnisstand nicht so weit, dass eine Höhe der kumulierten UV-Strahlungsexposition (UV-Dosis, Dauer, Intensität) benannt werden könnte, oberhalb derer mit einer ausreichenden Wahrscheinlichkeit von einer arbeitsbedingten Verursachtung auszugehen bzw. unterhalb derer eine arbeitsbedingte Verursachung ausgeschlossen werden könnte. Hier ist noch weitere Forschung nötig, um derartige Orientierungswerte künftig bestimmen zu können. Derzeit bleibt somit nur übrig, die UV-Strahlungsexposition (Art, Dauer, Intensität, Dosis) im Einzelfall so genau wie möglich zu ermitteln, um dieses Ermittlungsergebnis der späteren Kausalitätsbewertung zu Grunde zu legen." (S. 6f)

Auch wenn die Autoren also über die Wirkungsbeziehungen zwischen UV-Strahlung und Hautkrebs nichts sagen können, entwickeln sie ein aufwendiges Instrumentarium einerseits für die Ermittlung der privaten UV-Exposition und andererseits der arbeitsbedingten UV-Exposition.

Nun ist es ja nicht neu, dass die nachträgliche Ermittlung einer Exposition schwer bis nahezu unmöglich ist. Dies war ein Grund, weshalb sich die BAUA entschlossen hat, ein Messprojekt durchzuführen. Gleichwohl wird von den Autoren so getan, als könnte die Exposition berechnet werden: "Die gesamte private UV-Bestrahlung wird berechnet, indem die jährlichen Bestrahlungen von der Geburt bis zum Alter beim Ausbruch der Erkrankung aufsummiert werden" (S. 15) Was hier aufsummiert wird sind Schätzungen, Vermutungen und Mutmaßungen ohne wissenschaftliche Basis. Gemessen werden kann nur die künstliche UV-Strahlung, der Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Die sollte auch gemessen werden und zwar in regelmäßigen Abständen. Überdies sollten die Protollle dieser Messungen auch so lange aufbewahrt werden müssen, das sie beim späteren Auftreten von Erkrankungen noch verfügbar sind.

Dass es den Autoren sehr darum ging, ihrem Text einen wissenschaftlichen Anstrich und damit eine Glaubwürdigkeit zu geben wird an der "Berechnung" des arbeitsbedingten Anteils an der gesamten UV-Exposition" (S. 15) erkennbar. Hier wird durch eine Excel-Tabelle, die mit den spekulativen Annahmen über die Höhe der privaten Exposition ausgefüllt wird und in die die durchgeführten Messungen am Arbeitsplatz - soweit es die künstliche UV-Strahlung betrifft - bzw. wiederum die Spekulationen über mögliche arbeitsbedingte Expositonen gegenüber natürlicher UV-Strahlung eingetragen und dann "errechnet". Spekulationen gewinnen auch durch komplexe Excel-Tabellen keinen Wahrheitsgehalt.

Die inhaltliche Bewertung des Rundschreiben fällt also kritisch aus und kann so zusammengefaßt werden: Sie wissen zwar nicht ab wann UV-Exposition zu Hautkrebs führt, sie können und wollen hierzu auch nichts beitragen, sie ignorieren andere Ansätze, aber sie entwickeln jetzt schon einmal ein möglichst kompliziertes Ermittlungsverfahren, um BK-Anzeigen leicht abschmettern zu können.

Bleibt schließlich noch der Frage nach dem Zustandekommen des Rundschreibens nachzugehen. Eine Rückfrage bei einem Mitglied des Grundsatzausschusses Berufskrankheiten - dem Grundsatzausschuss des Vorstandes, der sich mit allen grundsätzlichen Fragen des Berufskrankheitengeschehens befasst, also auch mit dem vorliegenden Problem - ergab keine Antwort. Nun kann spekuliert werden warum: War der Grundsatzausschuss und damit die Selbstverwaltung über das Rundschreiben informiert? War der Grundsatzausschuss informiert, hat sich aber nicht wirklich inhaltlich damit befaßt? Haben die Versichertenvertreter geschlafen? Mangels einer Antwort kann hier spekuliert oder nochmals nachgefragt werden.

Die sich hieraus ergebene und wesentlich wichtigere Frage ist aber: Wie geht die Selbstverwaltung und hier insbesondere der Vorstand mit diesem Rundschreiben um? Es kann nicht jedem einzelnen Mitglied eines Rentenausschusses oder einer Widerspruchsstelle überlassen werden, wie es sich in der Sitzung gegenüber dem Vorschag der Verwaltung verhält, wenn eine BK-Anzeige mit Argumenten dieses Rundschreiben zur Ablehnung empfohlen wird. Hier besteht ein Handlungszwang und vor allem bedarf es einer Öffentlichkeit. Interessensvertretung in Sachen Berufskrankheiten ist eigentlich kein Hinterzimmergeschäft.

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Aktualisiert am 22 Sep 2017 | forum-bg@forum-bg.de

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