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Chronologie eines Skandals

Berufskrankheiten > Die Liste der Berufskrankheiten > Gonarthrose

Zuletzt geändert am 25.11.2009


Die Auseinandersetzung des früheren Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften e.V. und des heutigen DGUV e.V. einschließlich der Berufsgenossenschaften mit der Gonarthrose ist ein Beispiel dafür, wie die Einrichtungen, die eigentlich den gesetzlichen Auftrag haben sich mit den betrieblichen Arbeitsbedingungen und deren Wirkungen auf die Gesundheit und die Befindlichkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auseinanderzusetzen, systematisch diesen, ihren gesetzlichen Auftrag negieren, blockieren und boykottieren.

Die Auseinandersetzung mit Gonarthrose ist nicht neu

Bereits 1983 hat sich Dr. H. Greinemann mit der Kniegelenksathrose und einem möglichen Zusammenhang mit beruflich bedingten Belastungen auseinandergesetzt (veröffentlicht in der Reihe der Forschungsberichte der BAU unter der Nummer 362: H. Greinemann, Prädestinieren Kniescheibenhochstand, Knie-, und Kniescheibenfehlformen sowie Beinachsenfehlstellungen bei kniebelastenden Berufen zu vorzeitigen Verschleißschäden?, Dortmund 1983). Greinemnann hat 1993 - also 10 Jahre danach - als Leitender Arzt der Chirurgischen Poliklinik der Berufsgenossenschaftlichen Krankenanstalten Bergmannsheil in Bochum einen Forschungsbericht mit dem Titel "Forschungsvorhaben Kniegelenkarthrose" vorgelegt. Bemerkenswert hieran ist, dass ein in Diensten einer BG stehender Arzt sich mit einer möglichen neuen Berufskrankheit auseinandersetzt und dann auch noch zur folgenden Aussage gelangt:

"Die Kniegelenksarthrose des Untertage-Bergmannes nach langjähriger kniestrapazierender Arbeit gehört in die Liste der Berufskrankheiten, da sie beim Bergmann mit Sicherheit nicht nur doppelt so häufig wie bei der übrigen Bevölkerung, sondern um ein Mehrfaches häufiger als bei der übrigen Bevölkerung nachgewiesen werden kann.
Hinsichtlich des Einflußes, den sonstige kniestrapazierende Berufsarbeit auf die Entwicklung von Kniegelenksarthrosen nimmt können aufgrund unserer Ergebnisse nur Vermutungen angestellt, aber keine sicheren Aussagen gemacht werden... Der Frage durch eine Fallkontrollstudie nachzugehen, ist sicher ein richtiger Weg."
(S. 8f)

Damit lag der Bergbau-BG und dem HVBG e.V. bereits 1993 eine Studie aus einer eigenen Klinik vor, die zum einen für eine bestimmte Berufsgruppe einen Zusammenhang zwischen der Tätigkeit und Kniegelenkserkrankungen ganz eindeutig herstellte und bejahte und die überdies auf die Notwendigkeit weiterer Forschung zur Klärung für andere berufliche Tätigkeiten ganz ausdrücklich hinweist.

Mediziner an der Seite des HVBG e.V.

Wie reagiert der HVBG e.V. auf diese Aufforderung? Er läßt sich die Studie von Greinemann aus dem Jahre 1993 durch Priv. Doz. Dr. med. G. Pressel erläutern. Dieser antwortet auf die Anfrage des HVBG e.V. vom 30.11.1993:

"Die Problematik der Kniegelenksarthrosen als mögliche Berufskrankheiten ist mir bekannt. Ich hatte mich schon 1983 mit der Arbeit von Greinemann (Forschungsbereicht 362) eingehend befaßt.
Wenn ich die neuen Aussagen von Greinemann richtig verstehe, dann hat er einen nur geringen Einfluß der Berufsbelastung herausgefunden..."


Er stellt dann fest, dass eine Reihe von methodischen Fragen offen geblieben seien, wie etwa die, ob Bergleute mit arthrotischen Beschwerden aus beruflichen Gründen eher als andere Berufsangehörige gezwungen sind, sich in ärztliche Behandlung zu geben. So kann man die Frage nach dem Zusammenhang von Belastungen und gesundheitlichen Schädigungen natürlich auch stellen und kommt dann auf erstaunliche Ergebnisse: Die Tätigkeit der Bergleute ist so geartet, dass diese sich bei Kniegelenksschäden schneller sich in ärztliche Behandlung begeben.

Nicht überraschend kommt er zu dem Schluss:

"Es bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung, daß unter diesen Umständen eine Aufnahme in die Liste der BdkV nicht zu befürworten ist.
Ich bedauere diese Situation; denn ich kenne das Engagement von Greinemann und den Fleiß, den schon auf dieses Thema verwandt hat... Mit freundlichen Grüßen..."


Eine Kopie des Schreibens liegt vor.

Damit war wohl für den HVBG e.V. wie auch seine Mitgliedsberufsgenossenschaften kein weiterer Handlungsbedarf mehr gegeben: Gewogenen Ärzten sei Dank.

Forschung außerhalb des Einflussbereiches des DGUV e.V.

In der Nachfolge einer Studie zu Schädigungen der Wirbelsäule durch schweres Heben und Tragen bei der Arbeit, die an der Universität Frankfurt von Frau Prof. Dr. med. Gine Elsner gemeinsam mit Prof. Dr. Bolm-Audorff, staatlicher Gewerbeaufsichtsarzt in Wiesbaden, durchgeführt wurde, wurde von den beiden gemeinsam mit ihrem Forschungsteam eine Studie zu den Belastungen und Schädigungen der Kniegelenke aufgrund beruflicher Tätigkeiten erstellt.

Die Ergebnisse dieser Studie, in Verbindung mit der Auswertung andererr nationaler und internationaler Studien, haben dazu geführt, dass der ärztliche Sachverständigenbeirat, Sektion "Berufskrankheiten" dem Bundesminister für Arbeit und Soziales auf Basis einer wissenschaftliche Begründung die Aufnahme der Gonarthrose in die Liste der Berufskrankheiten empfohlen hat. Der Bundesminister für Arbeit und Soziales hat diese wissenschaftliche Begründung im Bundesarbeitsblatt
im Oktober 2005 veröffentlicht.

Aber der DGUV e.V. ist dabei um bremsen zu können

Dem HVBG e.V. sowie den Berufsgenossenschaften war die Beschäftigung des ärztlichen Sachverständigenbeirates mit dem Thema Gonarthrose bekannt. Der HVBG e.V. war und die Nachfolgeorganisation, der DGUV e.V., ist als ständiger Gast mit zwei Personen in den Sitzungen des ärztlichen Sachverständigenbeirates vertreten. Während die Öffentlichkeit über die laufenden Diskussionen aufgrund der Übereinkunft zum Stillschweigen nichts erfährt, sind die Verwaltungen der Berufsgenossenschaften über diese Diskussionen sehr wohl informiert. Das hierfür entscheidende Gremium ist der Verwaltungsausschuss Berufskrankheiten, dem neben Personen aus der Verwaltung des DGUV e.V. und einzelner UV-Träger auch noch einige Mediziner angehören. Eine Einsicht in die Protokolle dieses Ausschusses durch Mitglieder des Vorstandes wurde bislang von der Verwaltung strikt abgelehnt.

DGUV e.V. gegen die Selbstverwaltung

Welche Rolle sich die Leitung des HVBG e.V./DGUV e.V. zumisst wird an der Reaktion des vormaligen HVBG e.V. auf eine geplante Veranstaltung der Verwaltungsgemeinschaft der Maschinenbau- und Metall-BG und der Hütten- und Walzwerks-BG deutlich:
Anlässlich er Veröffentlichung der wissenschaftlichen Begründung zur Gonarthrose sowie der Diskussion um die Aufnahem der Schweißerlungenfibrose in die Liste der Berufskrankheiten hatte die Selbstverwaltung der beiden in der Verwaltungsgemeinschaft verbundenen BGen die Verwaltung aufgefordert zu diesen beiden Erkrankungen eine Informationsveranstaltung durchzuführen. Die Verwaltung ist dieser Forderung ihrer Selbstverwaltung nachgekommen und hat nicht nur die Voraussetzungen für einen ordentlichen Ablauf der Informationsversammlung, sondern auch für fachlich ausgewiesene Referenten zu beiden Themen gesorgt. Beide Erkrankungen haben für die Beschäftigten und Arbeitgeber in der metallerzeugenden wie auch metallverarbeitenden Branche eine große Bedeutung.

In einem Schreiben von Dr. Kranig an den Hauptgeschäftsführer der Maschinenbau- und Metall-BG wird zunächst reklamiert, die Verwaltung der beiden BGen hätte die Verwaltung des HVBG e.V. über die geplante Veranstaltung informieren müssen. Überdies wird versucht inhaltlich auf die Veranstaltung einzuwirken. (Schreiben des HVBG e.V. an den Hauptgeschäftsführer der Verwaltungsgemeinschaft)
Bedenkt man, dass die Verwaltung der Bau-BGen sowie deren Nachfolger, die BG Bau alle Zeit der Welt gehabt hätte sich sachlich und fachlich mit dem Problem Gonarthrose auseinanderzusetzen und dies einfach nicht getan hatte. Der Verweis auf eine unter der Geschäftsführerin der BG Bau, Frau Vestring, seit der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Begründung arbeitenden Arbeitsgruppe und das - nach langem Anlauf - endlich geplante Fachgespräch als Grund dafür zu nutzen, eine eigenständige Veranstaltung einer BG in Zweifel zu ziehen zeigt die große Ignoranz, mit der die Verwaltung des früheren HVBG e.V. und des heutigen DGUV e.V. ihren Mitgliedern und deren Selbstverwaltungen begegnet.

Übrigens: Dr. Kranig war Leiter des Bereiches Berufskrankheiten beim HVBG e.V. Er ist bei der Fusion HVBG e.V. und BUK zum Leiter des Bereiches Versicherung und Leistungen aufgestiegen.

Dieser gewollte Schulterschluss gegen eine Berufskrankheit funktioniert durchaus. In einer Veröffentlichung der fusionierten BG Elektro Textil Feinmechanik für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte werden die Bedenken gegen diese Berufskrankheit sehr ausführlich geliefert, einschließlich der kritischen Aufsätze. Sieht man sich an, wer die Autoren dieser "kritischen" Aufsätze sind, dann stellt man fest: es sind Mediziner aus berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhäusern, Mediziner aus dem arbeitsmedizinischen Dienst der BG Bau und Juristen aus der Verwaltung der BG Bau. Nicht erwähnt werden in dieser Informationsschrift die Forschungsergebnisse, die für eine Anerkennung als BK sprechen. ( http://www.bgete.de/bilder/pdf/infobarzt-1-08.pdf)

DGUV e.V. braucht mehr als 2 Jahre für ein Protokoll ...

Am 29. und 30. März 2007 hat der DGUV e.V. zu dieser wissenschaftlichen Begründung eine Fachtagung durchgeführt. Ein Bericht über diese Fachtagung liegt bis heute, also bis Ende April 2009 - also mehr als
zwei volle Jahre danach - immer noch nicht vor.

...und wird dann plötzlich ganz aktiv

Nach der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Begründung wird aber der DGUV e.V. und insbesondere die von einer Aufnahme in die BKVO besonders betroffene BG, die BG Bau, plötzlich aktiv und starten Forschungsprojekte zur Klärung von "noch offenen" Fragen. ( http://www.bgbau.de/d/ergonomie/fachinfos/projekte/gonkathast/pdf-files/gonkathast.pdf)

Im Bundesarbeitsministerium wird ein Referentenenwurf für eine Novellierung der Berufskrankheitenverordnung erarbeitet und am 10. Dezember 2008 zur Stellungnahme an den DGUV e.V. verschickt.

In seiner Stellungnahme stellt die Verwaltung des DGUV e.V. fest, dass für eine Aufnahme der Gonarthrose in die Liste der Berufskrankheiten noch Erkenntnisse fehlen würden, es seien aber Forschungsprojekte vergeben und die Ergebnisse lägen auch schon 2010 vor. Insofern solle doch bitte mit einer Aufnahme der Gonarthrose in die Liste der Berufskrankheiten noch gewartet werden.

Und die Versicherten?

Dass man in dieser Gesellschaft dreist sein darf ist in den vergangenen Monaten hinreichend belegt worden. Dass diese Dreistigkeit auch immer in einem gewissen Maß von der Vergesslichkeit oder Dummheit der anderen gepaart ist und von ihr lebt, ist auch sattsam bekannt.
Stellt sich die Frage nach der Rolle der Versichertenvertreter im Vorstand des DGUV e.V., wie sie auf diese Dreistigkeit der Verwaltung reagieren, ob sie sie überhaupt schon bemerkt haben oder was sonst?

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Aktualisiert am 02 Dez 2017 | forum-bg@forum-bg.de

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